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Eine Reise zum Dominkanischen Bernstein
Interview mit Dr. Wolfgang Weitschat
Fragen wir im Meldorfer BernsteinZimmer während unserer Schleifkurse die Teilnehmer, wo Bernstein denn überhaupt gefunden wird, hören wir meist Antworten wie Polen, Russland oder Litauen. Die Dominikanische Republik ist vielen Europäern als traumhaftes Urlaubsziel bekannt. Dass aber gerade aus diesem Ferienparadies einer der seltensten Bernsteine kommt, ist nur wenigen geläufig. Dr. Wolfgang Weitschat, Wissenschaftler am Geologisch-Paläontologischen Institut der Universität Hamburg und Bernsteinspezialist, ist einer der wenigen, die von den besonderen Schätzen der Insel wissen. Anfang des Jahres war er auf einer ganz besonderen Reise, auf den Spuren des "Blauen Bernsteins" und berichtet uns exklusiv von seinen Eindrücken.
Herr Dr. Weitschat, im Februar diesen Jahres sind Sie in die Dominikanische Republik geflogen. Ihr Interesse war ein anderes als das der meisten anderen Reisenden, richtig?
Ja, ich wollte gezielt mehr erfahren über den Bernstein dieser Insel. An der Universität haben wir natürlich schon lange auch Stücke des blauen Bernsteins, aber ich wollte mir die Fundstätten und Fördermethoden näher ansehen. Ich habe weltweit schon dutzende Orte besucht, an denen Bernstein gefunden oder gefördert wird. Das Besondere in der Dominikanischen Republik ist, dass hier der Bernstein mit seinen nur 15-20 Mio. Jahren nicht so alt ist, wie der Baltische Bernstein. Auch der Harzlieferant ist ein anderer. Für die Entstehung des Baltischen Bernsteins waren Kiefern verantwortlich. In der Dominikanischen Republik produzierte die "Hymenaea" das Harz für die Bernsteine (Anmerkung der Redaktion: Hymenaea = tropischer, immergrüner Laubbaum). Nachfahren dieser Hymenaea gibt es noch heute, das heißt man hat hier ganz andere Forschungsmöglichkeiten.
Vom blauen Bernstein hören viele Leser gewiss gerade das erste Mal. Warum ist der Dominikanische Bernstein nicht so bekannt wie der baltische?
Bekannt ist er schon lange, nur geriet er zeitweise wieder in Vergessenheit. Schon Christopher Kolumbus berichtete von Bernstein-Geschenken, die ihm bei der Ankunft auf der Insel Hispaniola 1493 von den Eingeborenen überreicht wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestätigten geologische Untersuchungen das Vorkommen von Bernstein in der Dominikanischen Republik. In Europa wurde er erst ab Mitte der 1940er Jahre wissenschaftlich untersucht.
Verteilen sich die Bernsteinfundstellen denn über die gesamte Insel?
Nein, vielmehr kann man von zwei Hauptfundorten sprechen. Dem "Nördlichen Bernsteingebiet" oder in der Sprache der Einheimischen "Cordillere Septentrional" und dem "Östlichen Bernsteingebiet", auch "Cordilliere Oriental" genannt. In beiden Gebieten sind zahlreiche kleine private Gruben an den Hängen der Gebirgsketten verstreut. Benannt werden sie häufig nach den nahe liegenden Dörfern aus denen die Grubenarbeiter dann auch meist kommen.
Sie sprechen von "privaten Gruben", was bedeutet das? Wem gehört der gefundene Bernstein?
Die Gruben sind in Privatbesitz, doch selten im Besitz der Grubenarbeiter. Gängige Praxis für Grubenbesitzer ist es, die Schürfrechte an Arbeiter zu vergeben und sich dann die gefundenen Bernsteine bezahlen zu lassen. Viele Gruben sind schwer zugänglich und nur über steile Bergpfade oder mit dem Packesel zu erreichen. Einige Grubenarbeiterfamilien führen dieses Leben jahrelang, andere kommen nur sporadisch.
Der Abbau muss vorsichtig, ohne Sprengungen oder heftige Erschütterungen vonstatten gehen, da starke Einschläge Bernsteine zerstören und Brüche in größeren Steinen verursachen könnten. Deshalb graben die Grubenarbeiter ihre Stollen mit Pickhacke und Schaufel und folgen dabei den dunklen Braunkohleadern entweder waagerecht - in der Cordillera Septentrional - oder senkrecht - in der Cordillera Oriental -, wo der Bernstein regellos in einem glaukonithaltigen Tonhorizont vorkommt (Anmerkung der Redaktion: Glaukonit = mineralische Ablagerung marinen Ursprunges). Wenn die Adern sich tief in den Berg hineinziehen, folgen ihnen die Stollen mitunter bis zu 70 Meter weit.
Das klingt nicht gerade nach einer angenehmen, gefahrlosen Arbeit…
Das ist es auch bei Weitem nicht! Die Grubenarbeiter kriechen auf den Knien, mit kurzstieligen Pickhacken, Schaufeln und Macheten "bewaffnet" und bei Kerzenschein. Das Sediment wird in Säcken an die Oberfläche gebracht und im Tageslicht sortiert. Gewöhnlich wird eine Ecke des Steins abgeschlagen, um ein kleines Fenster freizulegen. Wenn dieses die Sicht auf eine Inkluse freigibt, wird der Stein für spezielle Verkaufsverhandlungen mit Bernsteinhändlern beiseite gelegt.
Und wie sieht es aus mit den Mengen, die von den Arbeitern aus der Erde geholt werden?
In einer reichen Lage können täglich mehrere Kilo Bernstein gefunden werden, andererseits kann es auch einmal eine Woche ohne Bernstein geben. Der Rohbernstein wird auf Packeseln in die Dörfer transportiert, wo er geschliffen und poliert wird. Die Größe der Steine variiert von wenigen Zentimetern bis zu Grapefruitmaß. Meistens haben sie eine dicke mattbraune Kruste. Große Stücke sind selten und natürlich teurer. Eines der größten Bernsteinstücke, das je in der Dominikanischen Republik gefunden wurde, wiegt 7,9 kg und befindet sich im Geologisch-Paläontologischen Museum der Universität Hamburg. Während der Regenzeit müssen viele Gruben geschlossen werden, weil sie sich schnell mit Wasser füllen. Auf der ganzen Insel arbeiten ca. 3000 Menschen in den Bernsteingruben. Die jährlich geförderte Gesamtmenge ist nicht belegt.
Und warum sprachen Sie anfangs von "blauem Bernstein"? Blau ist doch eine Farbe, die man bei Bernstein nun gar nicht erwartet?
Dominikanischer Bernstein ist normalerweise transparent und die Farbe variiert zwischen hellgelb und braun, wobei ein bräunliches Gelb der häufigste Farbton ist. Gelegentlich kommen dunkles Rotbraun und schimmerndes Grün vor. Eine ungewöhnliche Varietät ist der blaue Bernstein. Die Intensität der verschiedenen Blautöne des Dominikanischen Bernsteins gehören zu den faszinierendsten Phänomenen im Bereich des Bernsteins. Im durchscheinenden Licht sind solche Stücke gelb oder gelbbraun, nur im Auflicht erscheint die Blaufärbung an der Oberfläche.
Hat die Wissenschaft denn eine Erklärung für die blaue Farbe?
Es gibt mehrere Theorien über die Entstehung des blauen Bernsteins. Ein Punkt ist klar: die blaue Farbe wird durch eine natürliche Erhitzung des Bernsteins hervorgerufen, und zwar während er bereits in Meeressedimenten eingebettet war. Die Erhitzung kann durch vulkanische Aktivitäten, wie Lavaströme und Vulkanasche, oder durch extremen tektonischen Druck oder beides hervorgerufen worden sein. Es gibt Zeichen dafür, dass der Bernstein während der Erhitzung fast wieder verflüssigt wurde. Experimente mit Baltischem Bernstein unterstützen die Erhitzungstheorie. Unter dem Einfluss von Druck und Hitze im Autoklaven wechselt auch hier die Farbe des Bernsteins zu grün bis grünblau unter Auflicht.
Sie sind unseren Lesern ja schon als Fachmann auf dem Gebiet der Inklusen bekannt, wie sieht es denn mit Einschlüssen im Dominikanischen Bernstein aus?
Dominikanischer Bernstein ist sehr reich an Inklusen; von pflanzlichen Resten zu Blättern und Blüten, von einer großen Vielfalt an Insekten, Spinnen, Skorpionen, Tausendfüßern, Asseln bis zu kleinen Wirbeltieren und Weichtieren ist alles enthalten. Die Fauna und Flora des Dominikanischen Bernsteins spiegelt ein trocknes tropisches Klima wider, in dem viele Tiergruppen vorkommen, die im Baltischen Bernstein selten oder unbekannt sind. Ähnliches gilt auch für "Massenfänge" bestimmter Insektengruppen in einem Stein. Stücke mit 10 bis 50 Ameisen oder Fliegen sind im Dominikanischen Bernstein nicht selten, aber es kommen auch solche mit 500 bis 1000 Tieren vor. Die Vielzahl der vorkommenden Wirbeltiere und Skorpione - mehrere Stücke pro Jahr - ist ebenfalls außergewöhnlich.
Amerikanische Wissenschaftler betonen die exquisite Erhaltung der dominikanischen Inklusen. Vergleicht man jedoch die dominikanischen mit den baltischen Inklusen, wird man feststellen, dass durch den Erhitzungsprozess die Mehrzahl der dominikanischen Inklusen Schaden genommen hat. Außerdem zeigen diese Inklusensteine nach verhältnismäßig kurzer Lagerzeit, im Gegensatz zu baltischen Steinen, bereits starke Verwitterungsanzeichen. Die dominikanische Inklusensammlung des Geologisch-Paläontologischen Museums der Universität Hamburg aus den Jahren 1982 und 1990 ist bereits zu 80 % stark nachgedunkelt und die Inklusen damit kaum noch erkennbar.
Herr Dr. Weitschat, wir danken Ihnen für dieses Interview!
Das Interview wurde im September 2007 von Mitarbeitern des Meldorfer BernsteinZimmers und der Nordschmuck GmbH geführt.
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